Foresightworkshop "Visionsentwicklung als strategisches Mittel" - CDR-Initiative meets SUPERRR Lab

Das Bild zeigt ein rosa und lila Muster mit einer schwarzen Box in der Mitte, in der geschrieben steht: Im Jahr 20035...

....ist eine gerechte Digitalisierung Realität!

Digitale Technologien menschenzentriert entwickeln und unsere Grundrechte dabei mitdenken – diese Vorstellung einer wertebasierten Digitalisierung ist schon länger als Narrativ im gesellschaftlichen Diskurs präsent. Doch stellt sich dabei immer wieder die Frage, was es eigentlich für unsere Zukünfte heißt, wenn wir die Digitalisierung “wertebasiert” gestalten wollen? Und welche Werte sollen dabei eine Rolle spielen?

Genau dieser Frage sind wir in unserem Foresight-Workshop “Visionsentwicklung als strategisches Mittel” in Zusammenarbeit mit der Corporate Digital Responsibility (CDR) Initiative und mit Unterstützung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) nachgegangen. Fokussiert auf die Leitfrage „Wie können Zukünfte aussehen, in denen die Werte des CDR-Kodex und die der Feminist Tech Principles (FTP) umgesetzte Realität sind?“, konnten wir mit einer tollen Gruppe von Expert*innen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung eine Zeitreise in das Jahr 2035 unternehmen.

Die Grundlage: Der CDR-Kodex und die FTP

In vier Gruppen erarbeiteten die Teilnehmenden verschiedene Visionsszenarien. Als Basis nutzen sie jeweils ein Wertepaar, zusammengestellt aus Werten des Kodex der CDR-Initiative und der FTP.

Der Kodex der CDR-Initiative ist ein Versuch, Orientierung für eine werteorientierte Digitalisierung für Unternehmen und Verbraucher*innen zu schaffen. Mit seinen neun Leitprinzipien, wie z. B. „Schaden vermeiden“ oder „Autonomie“ und fünf konkretisierten Handlungsfeldern soll er zu einer sozial und ökologisch nachhaltigen Digitalisierung beitragen.

Ein ähnliches Ziel verfolgen die FTP von SUPERRR Lab. Auch bei ihnen steht eine gerechte und inklusive Digitalisierung im Mittelpunkt. Mit ihren 12 Leitprinzipien wie „Gerechtigkeit und Sichtbarkeit entlang der Lieferkette“ oder „Zugang, gleichberechtigte Teilhabe und Repräsentation“ bringen sie eine gesamtgesellschaftliche und intersektionale Perspektive in die Debatte um eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung ein.

Die Frage, die sich beide Ansätze stellen, ist, welche Werte wir an die Basis von Technologieentwicklung legen sollten, sodass das Gemeinwohl und eine gerechte Digitalisierung ins Zentrum gerückt wird. Beide Kodizes verfolgen damit ähnliche Ziele, setzten jedoch unterschiedliche Schwerpunkte in ihrem Fokus. Es war daher die Idee des Workshops, ihre Prinzipien in einem Foresightprozess zusammenzubringen und sich gegenseitig ergänzen zu lassen.

Ziel und Methode des Workshops

Das Ziel des Foresightprozesses war es, alternative digitale Zukünfte greifbarer zu machen, die auf den Werten der beiden Kodizes basieren. Damit sollen die verschiedenen Möglichkeitsräume einer wertebasierten Digitalisierung aufgezeigt werden. Um eine konkrete Vorstellung dieser Zukünfte zu liefern, entwickelten die Teilnehmenden aufbauend auf den erarbeiteten Wertepaaren vier verschiedene Visionsszenarien.

Visionsszenarien sind auf spezifischen Werten basierende Geschichten über wünschenswerte alternative Zukünfte. Sie stellen keine Vorhersagen dar, sind keine konkreten Policies oder Strategien. Mit ihrer Hilfe sollen unterschiedliche Perspektiven, Erwartungen und Hypothesen über mögliche wünschenswerte Zukünfte entworfen werden.

Die Teilnehmenden entwickelten die Szenarien mit Fokus auf eine selbst erdachte digitale Technologie oder einen digitalen Service im Jahr 2035, bei dem ihr Wertepaar umgesetzte Realität ist. Im Anschluss daran nutzen sie einen Backcasting-Prozess, um exemplarische Voraussetzungen zu skizzieren, die ihre Visionsszenarien für ihre Realisierung brauchen. Sie schlossen den Foresight-Prozess mit einem „Nachrichtenticker“ aus dem Jahr 2035 ab, in welchem sie über die eingetretenen Zukünfte berichteten.

Soziale Medien: Inklusiv und menschenzentriert

Wie sieht eine Zukunft aus, in denen die Werte „Menschenzentrierung“, „Zugang“, „gleichberechtigte Teilhabe“, „Repräsentation“, „Sicherheit“ und „ökologische Nachhaltigkeit“ Teil der Kernfunktion sozialer Netzwerke sind?

In diesem Visionsszenario wird eine Zukunft gezeichnet, in der soziale Netzwerke auf einer öffentlichen Infrastruktur laufen und von einem Konsortium aus Zivilgesellschaft, Politik und anderen gesellschaftlichen Akteuren betrieben werden. Damit funktionieren sie nicht mehr nach einer Profitlogik und können an den Bedürfnissen der Nutzer*innen nach z. B. Datenschutz und nachhaltigen sozialen Kontakten ausgerichtet werden. Eine der Voraussetzungen für diese Entwicklung war die Einführung einer umfassenden Digitalsteuer im Jahr 2025 und die beginnende institutionelle Förderung von zivilgesellschaftlichen Organisationen 2029. Damit konnte die folgenden Jahre ein Umschwung in der Digitalpolitik von einem Fokus auf große Technologiekonzerne hin zu einem werteorientierten Ansatz vollzogen werden.

Der Digitalticker, 14.03.2035:

“So viel Liebe wie selten! Forschende melden: Hate Speech auf dem Super-Sozial-Netz massiv zurückgegangen.“

Dieses Jahr wurde ein historischer Tiefpunkt von Hatespeech im Internet gemessen. Seitdem 2029 die soziale Netzwerkstruktur zu großen Teilen in die Verantwortung der Zivilgesellschaft übergegangen ist, sind die Beschwerden und Klagen über Beleidigungen und Hasskommentare kontinuierlich gesunken.

Seit soziale Medien nicht mehr unter Profitdruck stehen, ist der Umgangston respektvoller geworden. Da kontroverse Inhalte nicht mehr gepusht werden, funktioniert das Erfolgsrezept der Trolls nicht mehr.

Die Forschenden verweisen auf die Einbindung von lokalen Moderationsgruppen, die den Anforderungen vor Ort an die Moderation von Inhalten entsprechen. Dadurch ist die Basis der an Diskussionen beteiligten Menschen gewachsen, während insgesamt die online verbrachte Zeit stagniert und sogar leicht gesunken ist.

Das globale Super-Sozial-Netzwerk ist eine breite Koalition aus Zivilgesellschaft, Politik und weiteren Akteur*innen, bei dem menschlicher Kontakt, Teilhabe und Repräsentanz im Zentrum steht. Auch die ökologische Nachhaltigkeit ist gegeben: Das Netzwerk ist klimaneutral.

Entscheidungstag im Schulfach "Digitale Autonomie"

Wie sieht eine Zukunft aus, in denen der Wert „Autonomie“ und „Design für informierte Zustimmung“ Leitprinzipien digitaler Bildung in Deutschland sind?

In diesem Visionsszenario wird eine Zukunft gezeichnet, in der die Politik die digitale Autonomie ihrer Bürger*innen nicht nur durch eine verpflichtende Interoperabilität digitaler Dienste gestärkt hat, sondern zusätzlich der digitale Verbraucherschutz in der Schulbildung verankert ist. Schüler*innen ab der 4. Klasse bekommen eine dezidierte Einführung in den Umgang mit digitalen Technologien und erkunden mittels eines spielerischen Ansatzes die datenschutzrechtlichen Dimensionen verschiedener digitaler Dienste. Daraufhin entscheiden sie sich für die für sie besten Einstellungen. Möglich wurden diese Entwicklungen durch das vehemente Vorgehen der EU gegen Technologiemonopole und die damit verbundene verstärkte Einbindung lokaler Anbieter digitaler Technologien im Jahr 2028. Darauf aufbauend konnte eine verstärkte demokratische Gestaltung der digitalen Welt durch die Einbindung von Bürgerräten stattfinden. Eines der Ergebnisse dieser Prozesse war eine digitale Bildungsreform und eine Institutionalisierung der digitalen Autonomie in 2032.

Der Digitalticker, 21.05.2035:

“Schulfach "Digitale Autonomie" feiert 5-jähriges Jubiläum”

Ausgehend von der EU-Verordnung wurde der digitale Verbraucherschutz als zentraler Pfeiler der politischen Bildung verankert. Nach den Bildungsreformen und der Einführung des Schulfachs "Digitale Autonomie" für Viertklässler hat vor 5 Jahren der "Entscheidungstag" das erste Mal stattgefunden. An diesem Tag dürfen sich seitdem Viertklässler*innen zwischen Dingen wie smarten Geräten, Betriebssystemen und Apps entscheiden und bekommen einen digitalen Assistenten zur Seite gestellt.

Umfragen ergeben, dass das Projekt ein voller Erfolg ist und sich die Schüler*innen deutlich informierter mit alternativen Diensten auseinandersetzen. Die Zahl der jungen Programmierbegeisterten nimmt zu und aktuell stehen für neue Viertklässler*innen Apps zur Verfügung, die vorangegangene Generationen programmiert haben.

Angesichts des großen Erfolgs der letzten Jahre hat sich gezeigt, dass auch Verbraucher*innen anderer Altersgruppen zuverlässige Beratungsangebote nutzen wollen. Eine Ausweitung des Programms ist geplant.

Wertebasierte Schadensbegrenzungssoftware

Wie sieht eine Zukunft aus, in der die Werte „Schaden vermeiden“ und „Nein zu technischem Fortschritt um jeden Preis“ Kerngedanke der Technologieentwicklung sind?

In diesem Visionsszenario wird eine Zukunft gezeichnet, in der potenzielle gesellschaftliche und individuelle Schäden digitaler Technologien schon vor ihrer Entstehung antizipiert und abgewendet werden. Dafür wird ein digitales Analysetool verwendet, welches mit einem partizipativ entwickeltem Wertekatalog trainiert wurde. Die Basis dieser Entwicklung bildet eine im Jahr 2024 ins Leben gerufene Kommission aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zur strategischen Implementierung einer wertebasierten Digitalisierung. Über zehn Jahre führte sie partizipative Formate zur Entwicklung des Wertekatalogs durch, an der alle Gruppen der Gesellschaft beteiligt waren und betrieb Aufklärung sowie regulatorische Beratung. Dieser Prozess bildete im Jahr 2034 die Grundlage für die Analysesoftware, welche ein Jahr später eingeführt werden konnte.

Der Digitalticker, 01.06.2035:

“Damage Control 35: Schaden durch Technologie ist Vergangenheit!”

Sechs Monate nach Einführung der Schadensbegrenzungssoftware "Damage Control 35", die am 01.01.2035 EU-weit eingeführt wurde, kann ein überwältigend positives Resümee gezogen werden: Die Software wurde auf 90 % der seitdem an den Markt gebrachten digitalen Produkte angewandt.

Sie identifiziert mögliche Risiken, die durch Technologien und digitale Produkte entstehen können. In einem partizipativen Prozess wird die Analyse geprüft und Handlungsempfehlungen abgeleitet. Eingesetzt wird die Software optional bereits während des Produktentwicklungsprozesses, damit Unternehmen das Produkt frühzeitig anpassen können. Obligatorisch ist die Anwendung der Software vor der Markteinführung bestimmter digitaler Produkte.

Durch die Software konnten während der Produktentwicklung bereits durch Anpassungen Schäden vermieden werden. Darüber hinaus können sich Verbraucher*innen nun durch entsprechende Produkthinweise über verbleibende Risiken neuer Technologien informieren.

Nachhaltige und faire Teilhabe am digitalen Leben für alle!

Wie sieht eine Zukunft aus, in denen die Werte „Nachhaltigkeit“ und „Gerechtigkeit und Transparenz entlang der Lieferkette“ in gesellschaftliche und technische Prozesse eingebettet sind?

In diesem Visionsszenario wird eine Zukunft gezeichnet, in der technische Standards, wirtschaftliche Grundlagen, rechtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Bildung so effektiv ineinandergreifen, dass eine nachhaltige Veränderung in Richtung einer ressourcenschonenden, wertebasierten Digitalisierung bis 2035 vollzogen werden konnte. Ansätze wie „ethics by design“, „Reparierbarkeit by design“, ein Recht auf Update oder Datensparsamkeit können aufgrund etablierter Regulierungen rechtssicher innerhalb Deutschlands und entlang der Lieferketten durchgesetzt werden. Mensch und Maschine arbeiten aufgrund einer etablierten „technischen Gewaltenteilung“ konstruktiv miteinander und die akademische Bildung wurde um Kompetenzen im technischen Bereich ergänzt.

Voraussetzungen für diese Entwicklungen wurden auf den verschiedensten Ebenen geschaffen, u. a. 2026 mit der beginnenden Entwicklung neuer technischer Standards für transparente Technologien oder der Entwicklung digitaler Assistenzsysteme zur Rechtsdurchsetzung im Jahr 2029. Im Jahr 2032 konnte dann endlich das Recht auf digitale Grundversorgung über die UN global eingeführt werden.

Der Digitalticker, 23.10.2035:

“Verbraucherschutz der Zukunft: Ab jetzt steht nachhaltige Digitalisierung im Dienste aller Menschen”

In den letzten 13 Jahren wurden wichtige und gute Voraussetzungen für souveräne Verbraucher*innen in der digitalen Welt geschaffen: Lieferketten sind transparent, die Wirtschaft nutzt Ressourcen nachhaltig und folgt einem neuen Wohlstandsverständnis. Durch eine Reformierung des Bildungsangebots verfügen Menschen nun selbstverständlich über aktuelles digitales Wissen und können gute Entscheidungen im Digitalen treffen. Dabei helfen ihnen Expert*innen, aber auch technische Assistenten.

In verschiedenen Ministerien wurden Stellen aus der Beschwerdeabteilung in Foresight-Stellen umgewandelt, um auf zukünftige Herausforderungen bestmöglich vorbereitet zu sein. In dem neuen Ministerium für menschenzentrierte Digitalisierung wendet sich die deutsche Politik unter Beteiligung von Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft den großen Zukunftsfragen zu.

Ausgewählte Beratungs- und Unterstützungskapazitäten werden an demokratisch legitimierte, zivilgesellschaftlich gestützte Strukturen abgegeben, die wichtige Hilfsangebote übernehmen. Die Digitalisierung steht im Dienste der Menschen.

Wie stellt ihr euch das Jahr 2035 vor? Welche Visionen habt ihr für digitale Zukünfte? Wenn ihr Ideen oder Gedanken habt, kontaktiert uns oder die CDR-Initiative gerne!

„Without leaps of imagination or dreaming, we lose the excitement of possibilities. Dreaming after all is a form of planning.“ - Gloria Steinem