KI-Mythen: Was steckt dahinter?

„Künstliche Intelligenz“ ist in aller Munde und scheint oft unausweichlich. Ist das wirklich so? In der Veranstaltungsreihe „KI: Macht, Mythen, Missverständnisse“ mit der Stadtbibliothek Pankow sammeln wir Erzählungen rund um KI und entpacken, was für Hoffnungen und Ideologien hinter ihnen stecken – und was die harte Faktenlage ist.

Mythos 1: Es gibt die eine KI

Wörter beeinflussen, wie wir über Dinge nachdenken. „Künstliche Intelligenz“ ist hierfür ein gutes Beispiel: Gibt es überhaupt eine oder „die“ KI? Ganz klar: Nein! Während der Begriff Künstliche Intelligenz lange Zeit eine Forschungsrichtung der Informatik beschrieb, wurde er in den letzten Jahren zunehmend zum Sammelbegriff für viele unterschiedliche Verfahren des Maschinellen Lernens. Sie unterscheiden sich nicht nur in ihrem Anwendungsfeld (große Sprachmodelle sind etwas völlig anderes als Modelle zur optischen Schrifterkennung, zur Bildsegmentierung oder zur Sortierung unserer Social-Media-Feeds). Alle diese Verfahren beruhen auf unterschiedlichen Datengrundlagen, sind nicht gleich gut oder gleich schlecht, bergen verschiedene Risiken, und ihr CO2-Fußabdruck variiert enorm.

Wie entzaubern wir den Mythos? Indem wir statt „KI“ das konkrete Verfahren benennen, von dem wir sprechen wollen. Nur dann können wir als Gesellschaft darüber ins Gespräch kommen, welche Vor- und Nachteile ein Verfahren hat, und ob wir es einsetzen wollen oder nicht. So schaffen wir es vielleicht auch, die ständige Vermenschlichung von Technik bleiben zu lassen – denn „KI“ träumt, irrt, täuscht und versteht ebenso wenig wie eine Bohrmaschine oder ein Staubsauger.

Mythos 2: Der Ressourcenverbrauch ist bald kein Problem mehr

Der zukünftige Fortschritt soll richten, was heute schiefläuft: Große KI-Modelle wie die großen Sprachmodelle sind ressourcenintensiv, und das werden sie auch bleiben. Davon sind selbst die großen Tech-Firmen überzeugt, die inzwischen ernsthaft erwägen, ins Kernkraft-Geschäft einzusteigen, um den Energiebedarf ihrer Rechenzentren zu sichern. Diese brauchen genau wie die Rechenzentren selbst eine starke Kühlung, sodass der Wasserbedarf solcher Anlagen immens ist.

Auch wenn einzelne Modelle und Anwendungen in Zukunft natürlich – wenn auch begrenzt – ressourceneffizienter werden können, geht der nächste KI-Trend in eine andere Richtung: Hinter der sogenannten „agentischen KI“ steckt ein ganzes Bündel unterschiedlicher KI-Anwendungen, die tief in die Betriebssysteme unsere digitalen Geräte integriert werden und uns als allgegenwärtige Helferlein zur Seite stehen sollen. Technisch verbirgt sich dahinter, dass konstant große Datenmengen von unseren Geräten in Rechenzentren geleitet, analysiert und gespeichert werden, um uns kleine Arbeitsschritte abzunehmen. Das ist notwendig, weil die dafür notwendigen Modelle um ein vielfaches zu groß und rechenintensiv sind, als dass sie in absehbarer Zeit lokal auf unserem Smartphone selbst laufen könnten – und das, obwohl unsere Telefone um ein vielfaches mächtiger sind als die Bordcomputer, die die Mondlandung möglich gemacht haben. 

Die Frage bleibt: Welche Werkzeuge wollen wir zu welchem Zweck einsetzen? Brauchen wir wirklich eine Kette aus Smartphone, Rechenzentrum und Atomkraftwerk, um etwas effizienter Termine zu finden oder einen Tisch im Restaurant zu buchen?

Mythos 3: KI sagt die Zukunft voraus

KI-Modelle werden mit Daten trainiert. Aber woher kommen diese Daten? Oft sind sie historisch, also kein Abbild unserer Gegenwart: Gesamte Buchkorpora seit den Anfängen des industriellen Buchdrucks; Entscheidungen von Behördenmitarbeitenden aus den letzten Jahrzehnten; oder Bilder seit Beginn der Fotografie.

Ein KI-Modell, das mit solchen Daten entwickelt wurde, beinhaltet also Regeln, Normen und Vorstellungen dieser Zeitspannen, die sich auch in den Outputs des Modells wiederfinden – es gibt Vergangenheit wieder.

Löst sich dieses Problem nicht mit der Zeit von selbst, wenn wir nur mehr, bessere, aktuellere Inhalte haben, die wir in die Modelle einspeisen können? Leider nein: Denn immer häufiger sind neue Inhalte sogenannter „AI Slop“, also KI-Schrott oder KI-Grütze: Also schnell (und in der Regel schlecht) produzierte Texte, Bilder oder Musik, die im Netz hochgeladen werden und dann selbst wieder dazu verwendet werden, um KI-Modelle zu trainieren. Im Sommer 2025 war bereits ein Viertel der bei TikTok hochgeladenen Inhalte zumindest teilweise KI-generiert. Laut einer Analyse von 2024 waren bereits damals 57% der Inhalte im Netz mit großen Sprachmodellen übersetzt worden – und das oft fehlerhaft. Die übersetzten Texte dienen dann wiederum als Trainingsmaterial für Sprachmodelle in jenseits des Englischen. Die KI-Grütze wird zur Rekursion statt zur Zukunftsvision.

Macht hat, wer hinterfragt

Hinter die KI-Mythen zu blicken kann nicht nur unterhaltsam oder informativ sein. Durch einen kritischen Blick holen wir uns auch das zurück, was uns im KI-Diskurs oft abhanden kommt: Das Gefühl, nicht immer hinterherzurennen, auch einmal innehalten zu dürfen, und nicht jede Grütze, pardon, Gelegenheit mitnehmen zu müssen. Denn wir haben die Entscheidung: Wofür wollen wir Technik verwenden, und wo sagen wir Stop?

Diesen Fragen gehen wir in der Veranstaltungsreihe „KI, Macht, Mythen, Missverständnisse“ in Kooperation mit der Stadtbibliothek Pankow nach. Die hier vorgestellten Mythen waren Teil des Auftakts mit Katharina Mosene (netzforma*), Julia Kloiber und Elisa Lindinger (SUPERRR).