Ist das Internet sicher oder nicht? Und für wen müssen wir es sicherer machen?
Die Antwort ist so komplex wie wir Menschen selbst, und sie hängt stark vom Kontext ab. Wer wir sind, welche Identitäten wir haben, wo wir uns in der physischen Welt befinden, welchen Arten von Unterdrückung wir ausgesetzt sind – all diese Faktoren spielen eine Rolle.
Für Menschen, die wegen ihrer Identität oder ihrer Bedürfnisse Unterdrückung ausgesetzt sind, ist das Internet schon lange ein Ort, um Informationen und Gleichgesinnte zu finden. Ein Beispiel: Das Internet bietet seit langem wichtige Nischen für queere Gemeinschaften, um Verbindungen außerhalb der öffentlichen, sozialen Kontrolle aufzubauen. Für Menschen, die an Orten leben, an denen es um ihre reproduktiven Rechte nicht gut bestellt ist, liefern die Wissensecken des Internets Informationen über Gesundheit und Schwangerschaft (z. B. wie und wo eine Abtreibung möglich ist).
Mobbing in sozialen Medien, algorithmische Diskriminierung und die Überwachung unserer digitalen Kommunikation durch Unternehmen oder Staaten haben alle ihre Entsprechungen in der analogen Welt. Sichere Räume zu schaffen – online wie offline – ist ein Dauerproblem. Und das bedeutet, dass allein in der Technik nicht alle Lösungen für dieses Problem zu finden sind.
Wie machen wir das Internet sicher(er)?
Menschen erwarten und brauchen sehr unterschiedliche Dinge vom Internet. Deshalb gibt es keine einheitliche Strategie, die für alle Menschen und jede Situation geeignet ist. Für uns ist deshalb ein intersektionaler Ansatz entscheidend. Wir fragen uns: Wer könnte von den vorgeschlagenen Änderungen betroffen sein?
Mechanismen, die Kindern den Zugang zu nicht jugendfreien Inhalten verbieten, machen es ihnen oft auch schwerer, sich über ihr Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit zu informieren – oder sie führen sogar dazu, dass völlig legale Inhalte blockiert werden, beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Was davon ist das größere Übel, was ist uns welchen Tradeoff wert?
Feminismus und Sicherheit
Intersektionale Theorie und Praxis kennt verschiedene Konzepte dafür, Räume für Gruppen zu gestalten. Von Safe(r) Spaces über Brave Spaces bis hin zu verantwortungsvollen Räumen – accountable Spaces: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, wie wir unseren Umgang miteinander online gestalten können. Entscheidend ist, dass wir es mit Sorgfalt, Transparenz und Hingabe tun. Und vielleicht ist es genau das, was wir brauchen: unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Bedürfnisse statt einer Einheitslösung für das „globale Dorf“. Context is Queen!
Wir tappen oft in die Falle, das Internet nur als soziale Medien, als große Tech-Plattformen zu betrachten, obwohl es doch so viel mehr ist. Unser Zugang zum Internet muss eben nicht über Big Tech laufen. Wenn wir uns von diesen Plattformen lösen, dann gibt uns das viel mehr Handlungsfreiheit dabei, unsere eigenen, sicheren Bereiche im Netz zu gestalten.
Fragt euch an diesem Safer Internet Day: Wo fühlt ihr euch im Netz sicher? Was trägt dazu bei, dass ihr euch sicher fühlt? Wie könnt ihr selbst Räume mit-schaffen, in denen sich andere Menschen sicher fühlen? Das kann auf viele verschiedene Arten geschehen: Indem ihr dazwischengeht, wenn ihr seht, dass jemand gemobbt wird. Indem ihr Wikipedia-Artikel schreibt, um anderen den Zugang zu Informationen zu erleichtern. Achtet darauf, was ihr über die Menschen um euch herum teilt, und wo, und mit wem – auch ein online geteiltes Bild ist Kommunikation. Verlagert eure Social-Media-Konten ins Fediverse oder tragt zu den Community Guidelines bei.
Ein sicheres Netz braucht ganz bestimmt: uns.
Wie unsere Arbeit zu einem sicheren Internet beiträgt
Wir setzen uns für digitale Fairness ein! Digitale Märkte geben vor, Auswahl und Komfort zu bieten, aber allzu oft arbeiten sie mit Manipulation, intransparenten Systemen und Machtungleichheiten. Von irreführendem Design und personalisierten Preisen bis hin zu ständiger Nachverfolgung – viele Online-Dienste sind darauf ausgelegt, Zustimmung und Daten zu gewinnen, anstatt Menschen zu schützen. Ein faires Internet bedeutet, anzuerkennen, dass diese Probleme struktureller Natur sind und nicht die Verbraucher:innen – wir – dafür die Verantwortung tragen. Es bedeutet, Verbraucher:innenrechte, Transparenz und kollektive Schutzmaßnahmen zu stärken – damit Menschen sich nicht alleine auf digitalen Märkten zurechtfinden müssen oder sich selbst die Schuld für Systeme geben, die gegen sie gerichtet sind.
Unsere Arbeit zu digitaler Gewalt zeigt, wie sehr digitale und physische Räume – und Probleme – miteinander verbunden sind. KI-Skandale wie um den Chatbot Grok zeigen, dass digitale Technologien dazu genutzt werden, Frauen, Kinder und marginalisierte Gemeinschaften zu schaden, zu erniedrigen und zu kontrollieren. Diese Schäden sind nicht nur technische Probleme, sondern soziale Probleme, die in patriarchalen Unterdrückungssystemen verwurzelt sind. Ein sichereres Internet bedeutet, digitale Gewalt anzuerkennen, Überlebende ernst zu nehmen, und Präventionsmaßnahmen, Aufklärung und langfristige Unterstützungsangebote zu stärken. Wir brauchen ganzheitliche Antworten auf wachsende Probleme wie digitale Gewalt, ohne uns allein auf technische Lösungen oder härtere Strafen zu verlassen.
Ein sicheres Internet muss nicht nur die schützen, die es nutzen, sondern auch diejenigen, die Social-Media-Plattformen und KI-Systeme für alle sicher halten: Data Workers und Content-Moderatoren:innen. Diese unverzichtbare Arbeit wird oft unter schwierigen Bedingungen verrichtet und systematisch unsichtbar gemacht. Der Aufbau eines wirklich sicheren Internets erfordert strenge Arbeitsstandards, sinnvolle Schutzmaßnahmen und Anerkennung für die Menschen, deren Arbeit digitale Ökosysteme aufrechterhält. Wenn ihre Rechte und ihre Würde nicht gewahrt sind, dann bleiben Forderungen nach Sicherheit im Netz und ethischer Technologie unvollständig.